BAP-Legende Wolfgang Niedecken im R2-Interview
"Nee, Jung. Game over"
Von Frank Weiffen für R2-Popsmart

Foto: BAP
Immer Mensch bleiben: BAP haben alle Höhen und Tiefen des Rock-Business erlebt - und sind sich immer treu geblieben.
Wenn man sich die „Mainstream“-Szene heute anschaut und die Musik anhört, die der größte Teil der Jugend hört - hat der Rock’n’Roll da überhaupt noch eine Überlebenschancen?
Niedecken: Ja klar. An dieses Zeug denkt doch in 200 Jahren keiner mehr. Aber Beatles, Stones, Dylan – die werden auch dann noch bekannt sein.
Was ist mit BAP?
Niedecken: Naaaa. Da wird’s im Stadtarchiv irgendwo einen Hinweis geben, dass es da mal so was gab. Aber mehr auch nicht. Eine Randnotiz.
Aber erstmal lebt die Band ja noch und hat ein neues Album veröffentlicht: „Halv su wild“. Für viele ist es das beste BAP-Album seit Jahren, weil es unheimlich frisch klingt – frischer als etwa das vorherige „Radio Pandora“. Was ist da im Studio passiert?
Niedecken: Das hat tatsächlich ausgerechnet mit „Radio Pandora“ zu tun – und zwar mit den Aufnahmen zur Unplugged-Version dieser Platte. Diese Arbeitsweise war für mich ein solches Erlebnis, dass ich das bei „Halv su wild“ genauso wieder machen wollte: Man trifft sich im Studio, trinkt einen Kaffee und fragt dann rund: Was machen wir heute? Hat einer eine Idee? Wir sind nicht ins Studio gegangen, um die Demos, die sich die Bandmitglieder zuhause ausgedacht haben, aufzunehmen. Wir sind ins Studio gegangen und haben gemeinsam nach Ideen gesucht. Dazu muss man bereit sein und sich gegenseitig vertrauen. Und dieses Vertrauen haben wir uns in der jetzigen Besetzung über zwölf Jahre erspielt.
Gab es auch mal andere Zeiten?
Niedecken: Ja, die gab es in der BAP-Geschichte auch. Das waren Zeiten, in denen Songs von Bandkollegen absichtlich langweilig gespielt und dann in die Tonne gekloppt wurden, weil sie von dem ein oder anderen in der Gruppe als Konkurrenz angesehen wurden und nicht auf die Platte kommen sollten.
Trotzdem ist BAP überregional immer erfolgreich gewesen. Wie schafft man das mit einer Band, deren Sänger ausnahmslos Kölsch singt?
Niedecken: Kölsch ist einfach ein Dialekt, der sehr beliebt ist. Da haben wir einen riesigen Vorteil.

Foto: BAP
Und über allem thront der Dom: Es gibt eben kein Entrinnen aus der eigenen Herkunft. Konsequenterweise haben BAP immer "op Kölsch" gesungen. Und damit bewiesen, dass ein Dialekt auch rocken kann.
Selbst In Bayern?
Niedecken: Ja klar. Auch die verstehen uns mittlerweile. Köln hat ein unglaubliches Glück, wirklich überall beliebt zu sein. Wenn du als Kölner irgendwo hinkommst, dann bist du automatisch der gemütliche, nette Rheinländer, so nach dem Motto: Ach, der ist schon in Ordnung. Und dieses Privileg haben bei weitem nicht alle. Das hat uns damals, am Anfang, Tür und Tor geöffnet. Und dann waren wir ja auch noch die ersten, die es überregional gemacht haben. Das war für Nachfolger wie Brings ganz schön hart. Ich kenne die Jungs ja ganz gut und weiß, dass die fast wahnsinnig geworden sind, weil es überall hieß: Ja, klingt gut. Klingt wie BAP. Wir waren eben die ersten. An uns kam dann auch keiner mehr vorbei. Es gab zwar wechselnde Besetzungen und es gab immer wieder Gegenströmungen. Aber letztlich war BAP doch immer da.
Macht dieses konsequente „Gegen-den-Strom-Schwimmen“ den viel beschworenen „Geist des Rock’n’Rolls“ aus?
Niedecken: Es ist auf jeden Fall ein Teil dieses Geistes. Es wäre sehr angepasst, wenn du dich immer allen Strömungen beugen würdest, die um dich herum existieren. Man muss sich immer sagen: Das hier ist mein Ding. Das versuche ich durchzuziehen, so gut ich kann – und ziehe da auch meine Lebensqualität raus. Dieser Punkt, mich damals mit 19 Jahren zu entscheiden, ob ich Musiker werde oder nicht, das war der wichtigste Punkt, die wichtigste Entscheidung meines Lebens.
Wobei Sie nicht nur Musiker sind, sondern sich auch für soziale Projekte engagieren, etwa Soldatenkinder in Gulu/Uganda. Viele reden dabei genervt vom „Gutmenschen“ Niedecken und stellen sie auf eine Stufe mit dem „Gutmenschen“ Bono von U2. Was entgegnen sie denen?
Niedecken: Punkt 1: Den Begriff „Gutmensch“ sollte man endgültig mal zum Unwort erklären. Er kommt aus einer Schmähschrift von Nietzsche und man sollte ihn wirklich nur dann anwenden, wenn man seine Bedeutung auch kennt – die des Maulhelden nämlich, der das, was er redet, gar nicht meint. Der fatalistisch alles über sich ergehen lässt, seinen Hintern nicht hochkriegt und dann über den motzt, der etwas tut. Und der damit plötzlich auch noch als cool gilt. Punkt 2: Leute wie Bono sind keine Maulhelden. Er hat vielleicht ein bisschen die Dimension verloren, weil er weltweit agiert. Das ist nicht immer geschmackfest weil oftmals sehr pathetisch. Aber er macht das immer sehr, sehr überlegt. Punkt 3: Ich mache das in einem ganz kleinen Kreis. Und da würde ich gerne jedem, der mir mit diesem Wort begegnet, sagen: Komm‘ mal mit nach Gulu. Schau Dir das mal an, was da passiert und was wir da machen. Und dann sagst du bitte nochmal, dass du nichts davon hälst.
Herr Niedecken, vielen Dank für das Gespräch!
INFO: Alles zum "Südstadt-Dylan"
Der gebürtige Kölner Wolfgang Niedecken wurde am 30. März 60 Jahre alt. 1976 gründete er die Kölschrock-Band BAP und machte sie als Frontmann zu einer der bekanntesten und beliebtesten Rockbands Deutschlands. Gerade wurde mit „Halv su wild“ das 17. Studioalbum der Formation veröffentlicht, das beinahe überall begeistert aufgenommen wurde.

Foto: Hoffmann und Campe
"Für 'ne Moment": Die Autobiografie.
Zu seinem 60. Geburtstag veröffentlichte Niedecken zudem gemeinsam mit dem Autor Oliver Kobold die Autobiographie „Für ‚ne Moment“ (Verlag Hoffmann und Campe). In ihr erzählt er von der Kindheit in der Kölner Südstadt, seiner ursprünglichen Passion – der bildenden Kunst, der sich Niedecken bis heute als examinierter Maler widmet –, seinen zahlreichen Soloprojekten, seinem Engagement für Soldatenkinder in Afrika, seiner Fußball-Leidenschaft für den 1.FC Köln und natürlich vom BAP-Werdegang.
Eines der herausragenden Projekte in seinem Musikerleben war das von ihm mitorganisierte Festival gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus „Arsch huh“, bei dem Niedecken am 9. November 1992 mit anderen Musikern auf dem Kölner Chlodwigplatz vor knapp 100 000 Menschen spielte. Hierfür erhielt er 1998 das Bundesverdienstkreuz.
Am Freitag, 27. Mai, tritt Niedecken gemeinsam mit der WDR-Bigband auf dem Domvorplatz (Roncalliplatz) in Köln auf. Am Samstag, 28. Mai, folgt an gleicher Stelle ein Auftritt mit BAP.
Mehr Infos im Web:
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