Das Korean Girl über die koreanische Leistungsgesellschaft

Die drei großen "D" - Drill! Druck! Disziplin!

Von Sun-Mi Jung für R2-Blogger

Foto: © Nox, Lizenz

Meine Eltern würden uns Kinder am liebsten wie Plätzchenteig behandeln.

Dortmund. Nirgendwo auf der Welt sind Leistungsdruck und schulischer Drill schlimmer als in Ostasien. Das steht auch schon in meiner Korean Girl Folge „Ich hasse Mathe!“. Letztens habe ich erst wieder gelesen, dass ein völlig überforderter und überarbeiteter Schüler in Korea seine Mutter erstochen hat, weil sie ihn ständig zu Hochleistungen antrieb, dauernd ausschimpfte und sogar wegen schlechter Noten verprügelte. Na, da kann meine Mutter ja von Glück reden, dass sie meine Schul- und Studienzeit unbeschadet überlebt hat und sich heute mit 70 Jahren einer robusten Gesundheit erfreut. Sie hätte auch vor 25 Jahren erstochen werden können. Vom eigenen Fleisch und Blut.

"M - wie Mama!"

Mein Bruder hat vor kurzem den James-Bond-Film Skyfall gesehen. Und war von Judy Denchs Darstellung als MI5-Chefin M ein wenig eingeschüchtert. „Ich finde, dass M wie Mama ist und auch so aussieht. ‚Schießen Sie!‘ Das würde die Mama auch befehlen.“ Sie sehen also, ich bilde mir das mit dem ganzen Drill, Druck und der Disziplin nicht einfach nur ein.

„Es gibt drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren“, so mein Personal Coach Gabriele Roswitha Franzak. „Überanpassung, Rückzug oder Rebellion.“ Mein Coach Gabriele Franzak ist ein ganz wunderbarer Mensch: Weise, erfahren, stark, kompetent, intelligent und sehr einfühlsam. Ganz anders als meine Mutter. Die ist einfach nur stark. So stark, dass für alles andere kein Platz mehr bleibt. Ich glaube, so etwas nennt man Inselbegabung… Ach ja, ich habe damals übrigens die Rebellion gewählt. Überanpassung war mir zu anstrengend und Rückzug passt irgendwie nicht zu meiner Persönlichkeit. Dann lieber laut rumschreien und alles tun, was die Eltern nicht wollen. (Mache ich bis heute. Tun, was die Eltern hassen… Macht sehr viel Spaß!)

Ein Kind, das von den Eltern so massiv unter Leistungsdruck gesetzt wird (wie ich damals), entwickelt sich übrigens oft zu einem sehr dynamischen, aktiven, leistungsorientierten und intoleranten Menschen. Einem Workaholic, der alles richtig machen will und alle Langsame, Ineffiziente und Faule nicht ausstehen kann. Es wird auch ziemlich hibbelig, es steht ja auch ständig unter Strom, und verliert dabei den Kontakt zu seinen Gefühlen. Die stehen einem sowieso nur im Weg, wenn man erfolgreich sein will und vielleicht sogar Leute erschießen lassen muss.

Südkorea hat die weltweit höchste Selbstmordrate

Das erinnert mich irgendwie an die moderne, südkoreanische Gesellschaft. Die hat es durch ihren Fleiß, ihre Tüchtigkeit, Selbstaufgabe und Selbstdisziplin bis an die Spitze der Industriestaaten geschafft. Und das innerhalb weniger Jahrzehnte. „Dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden“, so mein Coach Gabi Franzak weiter. „Es darf nur nicht kippen.“ Und kippen wird es unweigerlich, wenn man den Bogen maßlos überspannt. So wie bei vielen Südkoreanern. Wussten Sie, dass Korea weltweit die größte Selbstmordrate hat? Suizid, Burnout, Tod durch Überarbeitung, Depressionen, permanente Übermüdung sind die Folgen dieser übergroßen Selbstdisziplin. Ich würde sagen, ein klarer Fall von Überanpassung…

So richtig glücklich wird man mit dieser Überdruckstrategie wohl kaum. Man kann zwar eine Menge erreichen und bewegen. Aber die Nachteile können im wahrsten Sinne des Wortes tödlich sein. Oder zumindest doch sehr einsam machen. Aber zum Glück gibt es ja ein Gegenmittel. Es heißt Ruhe, Stille, Gelassenheit, Achtsamkeit und Toleranz. Ein kluger Rat von Gabriele Franzak. Für viele Koreaner und vor allem für meine Eltern ein Fremdwort. Und ich dachte immer, der Buddhismus ist eine Volksreligion in Korea.

Mit sogenannten „Auszeiten“ konnten meine Eltern niemals etwas anfangen. Meine Mutter ist acht Wochen nach meiner und sechs Monate nach der Geburt meines Bruders wieder arbeiten gegangen. Vollzeit. Mein Vater wird bis heute ganz nervös, wenn er sich nicht mindestens alle zwei Stunden einem neuen Projekt widmen kann. Und wenn es nur um eine neue Glühbirne geht. Sie haben noch nie „Wellness-Urlaub“ gemacht und wissen auch gar nicht, was das sein soll. Dafür lieben sie Städtereisen. Sie wissen schon, zehn Städte, sechs Länder in dreieinhalb Tagen. Zum Schluss gibt es 3.000 Bilder auf der Speicherkarte, die nie wieder angeschaut werden. Keine Zeit!

Kinder wie Plätzchenteig...

Ihre Kinder würden sie am liebsten wie Plätzchenteig behandeln: Erst auf wenige Millimeter platt walzen. Dann einen riesengroßen Plätzchenausstecher herausholen und ihn auf unseren Körper drücken, um den perfekten Keks auszustechen. Wenn er nicht makellos geworden ist, nochmal zusammenkneten und von vorn anfangen. Schließlich kann man sich seine Kinder auch backen. Meine Eltern sind übrigens beide immer ein wenig überspannt und so richtig enge Freunde haben die beiden auch nicht…

Und selbst ich, das rebellische Kind, habe mich letztlich diesem koreanischen Leistungsdruck perfekt angepasst. (Deutsche) Menschen halten mich für disziplinziert. (Meine Eltern halten mich für saufaul. Kein guter Keks!). Ich wirke wohl auch ganz schön elitär, arrogant und intolerant. Ich gebe zu, ich hasse Ineffizienz…

Aber ich habe Glück im Unglück! Ich bin nämlich laut Analyse meines Coaches Gabriele Franzak nicht nur der reine Machertyp. Nein, Buddha hat mir ein warmes, liebendes Helferherz geschenkt. (Wahrscheinlich als Ausgleich für „M“.) Dieses Helferherz beschützt andere und damit letztlich auch mich vor dem völligen Zusammenbruch. Wer will schon ein makelloser Keks sein…

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