Leichlinger-Punkband auf den Spuren von B-Movies und Edgar Allan Poe

Der Horror hat einen Namen: The Other

Von Frank Weiffen für R2-Popsmart

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Foto: Weiffen

Makabres gehört einfach dazu: Und da kann man sich bei einer Probe auch schon einmal um den Grabstein einer Figur aus einem Schauerroman Edgar Allan Poes gruppieren.

Leichlingen/Köln. „Wenn wir auf der Bühne stehen“, sagt Thorsten, „dann sind wir wirklich andere Personen.“ Er ist der Sänger der Gruppe – und ein begnadeter dazu: Mit seiner tiefen, rauen Stimme und dem dunklen Timbre hört er sich an wie eine Mischung aus Elvis, Jim Morrison und Glenn Danzig. Sein Künstlername ist Edgar Allan Poes Schauerroman „Der Untergang des Hauses Usher“ entlehnt: In diesem begräbt der Protagonist Roderick Usher seine Schwester bei lebendigem Leibe - und wird später selbst von der sich aus dem Grabe Erhebenden gemeuchelt. Womit wir beim Thema wären: Horror. Und Horrorpunk.

Um dieses Musikgenre zu verstehen, muss man nicht aus Leichlingen kommen. Und man darf sich nach Thorstens Aussage auf keinen Fall vom düsteren Aussehen seiner Vertreter und den oftmals blutrünstigen Liedtexten über Hölle, Mord, Totschlag, Monster und Blut bange machen lassen: „Im Grunde genommen ist Horrorpunk lebensbejahend.“ Mit Depression und düsteren Gedanken hat er nichts zu tun. Keiner aus der Band sitzt daheim und schreibt Briefe über Todessehnsüchte. Keiner schleicht nachts um die Häuser und befördert Menschen ins Jenseits. Spätestens seitdem Halloween hierzulande zur Massenveranstaltung wurde, kommt ohnehin auch Otto Normalverbraucher mit dem Horror in Berührung. Und: Artverwandte Künstler wie „Schockrocker“ Marilyn Manson (Intellektueller und bildender Künstler), der mit jeder Menge Kunstblut um sich spritzende Alice Cooper (überzeugter Christ) oder die einst beim Schlager-Grand-Prix siegreichen Monstermasken von „Lordi“ (Familienväter) stehen mittlerweile auch im piefigsten Plattenschrank.

Roderick Usher: "Horror offenbarte stets Kritik am jeweiligen Zeitgeist"

Was beim Horrorpunk von The Other allein im Vordergrund steht, das ist der Trash- und Kultfaktor alter Horrorfilme oder B-Movies wie „Tarantula“, „Nosferatu“ oder „Dracula vs. Frankenstein“ sowie die Schauerromane des 18. Jahrhunderts. „All diese Bücher und Filme offenbaren unter dem oberflächlich gezeigten Horror eine Kritik am jeweiligen Zeitgeist, an der jeweiligen Gesellschaft“, sagt Thorsten, der sich in der Abschlussarbeit seines Anglistikstudiums passenderweise nicht mit William Shakespeare, James Joyce oder Jane Austen, sondern mit dem Werk des US-Schriftstellers Stephen King beschäftigte.

So ist es denn auch nicht Angst, die The Other entgegenschlägt, sondern Begeisterung. Soviel sogar, dass sie in den vergangenen Jahren von den Experten der Szene zu den besseren Erben der absoluten Horrorpunk-Ikonen Misfits erkoren wurden. Sie erspielten sich einen Plattenvertrag beim renommierten „SPV“-Label (u.a. Motörhead, Bad Religion, Monstermagnet, Kreator). Sie tourten durch die USA. Sie standen gemeinsam mit den englischen Punkrock-Helden von The Damned auf der Bühne. Sie spielten im Vorprogramm von Ärzte-Drummer Bela B., der seitdem ein glühender Verehrer ist und zum Ritterschlag ausholte: „Nach dem Auftritt im Kölner Palladium hat Bela mir seine goldenen »Misfits«-Jackettkronen mit den Worten »Hier, für den besten Sänger, den ich kenne« geschenkt“, erinnert sich Thorsten. Und das vergangene Jahr war sowieso unschlagbar: Da rockten The Other ihren morbiden Punk beim Mera-Luna-Festival, beim Ruhrpott-Rodeo, beim legendären Wacken-Openair und in Bonn als Anheizer für Alice Cooper. „Da sind gleich mehrere Träume wahr geworden“, sagt Thorsten. „Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Konzert gemeinsam mit Kiss. Dann hätten wir alles erlebt, was man erleben muss.“

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Fotos: The Other / Weiffen

Schminke, Kunstblut, Monster-Attitüde: Horrorpunk zitiert vor allem die Trash-Kultur.

Sarg, Totenkopf-Mikroständer und ein rosa BH

Die Verwirklichung ihrer Träume bereiten The Other im eigenen Leichlinger Proberaum vor. Hier entwickelten sie die Songs ihrer bislang vier Studioalben, von denen das aktuelle „New Blood“ begeisterte Kritiken in beinahe allen relevanten Rock-Magazinen erntete. Und hier, im niedrigen Keller eines alten Fabrikgebäudes, wo man im Gang den Kopf einziehen muss, um sich nicht an der Decke zu stoßen, steht ihre Bühnendekoration – inklusive Sarg und Totenkopf-Mikroständer. An der mit schwarzem Stoff ausgekleideten Wand hängen Totenschädel und Pin-Up-Kalender. Poster vergangener „Hellnight“-Konzerte wurden über den Kühlschrank gepinnt. Von der Decke baumelt ein rosa BH, der irgendwann einmal bei einem Konzert auf die Bühne flog.

Hier unten fläzt sich die Band vor den Proben gerne mal auf dem Ledersofa und pafft Zigaretten. Trinkt Kölsch. Plaudert aus dem Punkrock-Nähkästchen. Und arbeitet am nächsten Auftritt. Am Tag des Treffens mit dem R2-Reporter etwa probiert Dr. Caligari – der eigentlich Pascal heißt und Student ist – eine neue Nebelmaschine aus und taucht den kleinen Raum vorübergehend in dicke, weiße Schwaden. Sarge von Rock – alias Sascha, der Orthopädietechniker – zieht im Dämmerlicht neue Saiten auf seine Gitarre auf. Und Viktor Sharp – der Biologe, der auf den Namen Roland hört und seit Anfang des Jahres den Bass zupft – lässt sich von Thorsten probeschminken.

Überhaupt schminken: Der Kasten mit Pinseln und Farbdöschen, mit dem Theaterblut und kleinen Spiegelchen ist letztlich das wichtigste Utensil der Band. Kein Horrorpunk ohne. Eine Stunde brauchen The Other, um sich vor einem Auftritt zu verwandeln. Auch beim Festival-Gig im Sommer nachmittags um drei bei sengender Hitze wird gespachtelt, was das Zeug hält: Operationsnarben, offene Wunden, Blutergüsse, Bleichgesichter. „Wir nehmen’s da sehr genau“, sagt Thorsten. Gehört halt zum Image. Insofern unterscheiden sich Horrorpunks nicht von Lady Gaga.

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