Die Top Ten der R2-Kleiderständer-Klassiker: Folge 8

Von Guerilla-Marketing und Gentrifizierung

Von Peter Joerdell für R2-Stilikone

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Foto: © Seidenstud (Lizenz)

Rhein-Ruhr. Können Sie sich noch an Ihr erstes Band-T-Shirt erinneren - vorausgesetzt, Sie haben dem Rock'n'Roll jemals genug gehuldigt, um eins besessen zu haben? Ich weiß es noch genau, wie in der Storck-Schokoladen-Riesen-Werbung. Es war irgendwann um 1990, und es handelte sich um ein Tour-Shirt von den Toten Hosen: "Alles wird gut" (wie wir wissen wurde ja ungefähr gar nichts gut, ausgenommen vielleicht die Erfindung des Internets und endlich Starbucks in Deutschland, aber das ist eine andere Geschichte...).

Ziemlich viele Leute beneideten mich damals in der Schule um dieses Shirt, und bis vor etwa einem Jahr besaß ich es immer noch, auch wenn ich es da schon lange nur noch zum Schlafen trug. Dieses T-Shirt war einfach ein verdammter Teil meines Lebens.

Früher sagte ein Band-T-Shirt: "Ich bin anders"

Was macht Band-T-Shirts so besonders? Früher waren sie ja ein Weg, zu kommunizieren: Ich bin anders. Ich bin nicht so wie ihr. Und sie waren ein Prima-Weg, Gleichgesinnte zu finden. Oder den richtigen Leuten aus dem Weg zu gehen. Denn genau das passierte regelmäßig in der Uni, wenn ich mit einem Nine Inch Nails-T-Shirt diesen Typen in Marilyn Manson-T-Shirts vor die Füße lief. (Wir erinnern uns: Trent Reznor von NIN produzierte erst Mansons Album Antichrist Superstar und wurde zum Dank dafür dann total von Manson gedisst - aber ich schweife ab...)

Band-T-Shirts waren also eine Zeitlang, seit ihrem Aufkommen Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre so etwas wie ein Symptom der Tribalisierung der Gesellschaft im subkulturellen Bereich. Die wegbröckelnde No future-Generation fand hier ein Stückchen Heimat, das man auf der Brust mit sich rumschleppen konnte. Eine Brandzeichen, das einen Akzent der Non-Konformität setzte, das den Poppern und angepassten Schleichern sagte: Nö. Nicht mit mir. Egal ob Punk, Rocker, Grufti oder Metaller.

Heute ist das Band-T-Shirt Teil der Non-Konformisten-Uniform

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Foto: © Cecil

Das kleine Schwarze einmal anders: Auch Musiker anderer Bands schmücken sich gern mit großen Namen, hier der Gitarrist von Mokoma, einer finnischen Trash-Metal-Band, mit einem Cannibal Corpse-T-Shirt.

Inzwischen ist das anders: Das Band-T-Shirt ist Teil der Non-Konformisten-Uniform, die in Zeiten der galoppierenden Zersplitterung der Gesellschaft und verschwindender traditioneller Bindungskräfte mehr und mehr um sich greift und dazu führt, dass alle nirgendwo mehr dazu gehören wollen. Was dann auch alle wieder irgendwie gleich macht und dann aber die große Frage offen lässt? Wer ist jetzt eigentlich noch Rock'n'Roll? Und ab wann wird man seine Eltern nur noch damit erschrecken können, dass man in einem Clockwork Orange-Outfit aufkreuzt - oder aber nur noch Anzüge trägt?

Fast könnte man meinen, das Band-T-Shirt sei durch den Weg durch die Instanzen ein Opfer der Gentrifizierung geworden. Durchgekaut und wieder ausgespuckt von der Mode-Industrie wie einst Punk und Grunge vom Musik-Business.

Von Herdentieren und Jean-Paul Sartre

Nun ja... Das mag für die großen Namen gelten. Der hunderttausendste Depp, der mit einem Metallica-T-Shirt angerannt kommt, ist eben kein origineller Godfather of Metal mehr, sondern ein Herdentier, wie alle anderen, die ja bekanntlich, danke Jean-Paul Sartre, die Hölle sind. Obwohl ich zu Protokoll geben muss, dass ich mein "Ride the lightning"-T-Shirt liebe! (Falls sich noch irgendjemand dran erinnert, dass Metallica mal ein Album diesen Titels herausgebracht haben, ja damals, als es noch Speedmetal gab und man eine Dauerwelle brauchte, um ihn zu spielen...)

Aber wissen Sie, worüber ich mich immer freue, und warum das Band-T-Shirt es trotzdem verdient hat, in unserer Top-Ten des Kleiderständers zu logieren? Wenn irgendein verpickelter Teenager oder aber auch ein Mid Life-Chaot wie meinereiner mit einem T-Shirt irgendeiner total obskuren Band dahergelatscht kommt, die noch nie von einem Major-Label gesigned wurde, und die quasi nur auf Myspace existiert. So schaffen es selbst kleine Bands ans andere Ende des Globus. Das ist Rock'n'Roll. Wenn es das Band-T-Shirt nicht schon so lange geben würde - als flankierende Guerilla-Marketing-Maßnahme zu diesem Geist kleiner Bands müsste man es erfinden!

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Von Guerilla-Marketing und Gentrifizierung

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Kommentare  

 
+2 #2 Redaktion 2011-09-16 12:49
Dschinädi!

Wir fühlen uns von Deiner Anwesenheit geehrt. Als Befreiung vom Schwarzen Rolli hatte ich das Band-Shirt noch gar nicht interpretiert. Aber auch hierin steckt eine tiefe, weise Wahrheit.

Let's rock out with our... band-merchandize. ^ ^

MfG
Peter Joerdell (der heute ablosed, weil er nur ein Sin City-Shirt trägt...)
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+2 #1 Dschinädi 2011-09-16 08:39
Kann es etwas besseres geben, als sich morgens für den Arbeitstag ein Bandshirt aus dem Schrank zu greifen - und dann diesen Artikel zu lesen? Denn auch das gehört zur Geschichte dieser Kleidungsstücke : In kreativ arbeitenden Agenturen sind sie als Teil des Dresscodes mittlerweile akzeptiert. Wer hätte das nach der langen Vorherrschaft des schwarzen Rollis für möglich gehalten? Auch das ist Rock'N'Roll.

Dschinädi

PS: Bandshirt des Tages: Tool, 10.000 days Tour, 2006
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